Was ist Bindung?
Bindung ist eine emotionale und oft auch physische Verbindung zwischen zwei Menschen, die auf Vertrauen, Verständnis, Respekt und Zuverlässigkeit basiert.
Sie ist ein natürliches Verhaltenssystem, das uns Sicherheit gibt und ebenso ein überlebenswichtiges menschliches Bedürfnis — ähnlich wie Essen und Schlafen.
Merkmale einer gesunden Bindung:
Es gibt genug Raum für eigenen Interessen und Bedürfnisse, aber auch tiefe Nähe wird zugelassen.
Beide Parteien können emotionale Unterstützung sowohl annehmen als auch geben.
Das Äußern von Bedürfnissen und Gefühlen ist jederzeit möglich, es wird von beiden Seiten aus offen kommuniziert.
Konflikte werden konstruktiv gelöst, beide können sich an die Bedürfnisse der Partnerperson anpassen.
Wie entsteht Bindung?
Wir wollen hier erkunden wie Bindung zwischen zwei (oder mehr) Menschen im Erwachsenenalter entsteht. Dazu werfen wir einen kurzen Blick auf die Entstehung im Kindesalter:
Bindung im Kindesalter entsteht durch kontinuierliche, feinfühlige Interaktionen zwischen Kind und Bezugsperson, bei denen das Kind erfährt, dass seine Signale wahrgenommen, verstanden und positiv beantwortet werden. Dieser Prozess beinhaltet körperliche Nähe, Kommunikation, verlässliche Reaktionen auf Bedürfnisse, emotionale Unterstützung und gemeinsame Rituale.
Vieles davon trägt auch im Erwachsenenalter dazu bei Bindungen zu formen.
Indem zwei Menschen miteinander interagieren, gesetzt den Fall diese Interaktion ist zugewandt und liebevoll, fühlen sie sich wahrgenommen und im besten Fall verstanden.
Besteht die Interaktion jetzt verlässlich über einen gewissen Zeitrahmen hinweg, sind beide emotional offen und somit füreinander erreichbar, entsteht eine Bindung zwischen diesen beiden Menschen.
Was nichts darüber aussagt ob sie bestehen bleibt oder ob sie gut ist. Dafür braucht es dann noch etwas mehr.
Ein Rezept für eine gute Bindung könnte wie folgt lauten:
Wir benötigen eine liebevolle, wohlwollende und zugewandte Interaktion, gepaart mit gemeinsamen Werten und einer radikal ehrlicher Kommunikation, mischen dazu konstante Verlässlichkeit und emotionale Offenheit und garnieren das Ganze noch mit ein paar gemeinsamen Ritualen – fertig
Brauchen wir Bindung?
Ja, unbedingt!
Sie ist ein menschliches Grundbedürfnis, das existenziell für das Wohlbefinden und die Entwicklung ist.
Bindungen bieten emotionale Sicherheit und Unterstützung, stärken die Resilienz und können sogar die Lebenserwartung erhöhen.
Bereits in der Kindheit ist eine sichere Bindung für die psychische und kognitive Entwicklung essenziell, während im Erwachsenenalter erfüllte Beziehungen zu mehr Zufriedenheit und Glück führen.
Das heißt aber nicht, dass wir zwingend in romantischen Beziehungen sein müssen, um Bindung zu erfahren.
In Freundschaften geht die Bindung mindestens genauso tief und wir profitieren von all den positiven Effekten.
Bindungstile
Bindungsstile sind frühkindlich erworbene Verhaltens-, Gefühls- und Denkmuster im Umgang mit Beziehungen, die sich aus der Qualität der frühen Interaktion mit Bezugspersonen ergeben und auch im Erwachsenenalter die Art, wie man enge Bindungen eingeht und erlebt, maßgeblich beeinflussen.
Mary Ainsworths (eine US-amerikanisch-kanadische Entwicklungspsychologin), John Bowlby (ein britischer Kinderarzt, Kinderpsychiater, Psychoanalytiker) und James Robertson (ein schottischer Psychoanalytiker und Sozialarbeiter) , die HauptvertreterInnen der Bindungstheorie identifizierten vier Bindungsstile:
1. Sicherer Bindungsstil:
Menschen mit diesem Stil fühlen sich sicher und vertrauen anderen. Sie können Bedürfnisse äußern, sind nicht übermäßig von Beziehungen abhängig und haben ein positives Selbstbild.
2. Ängstlich-ambivalenter Bindungsstil:
Diese Personen zeigen oft eine starke Sehnsucht nach Nähe, sind aber gleichzeitig unsicher in ihren Beziehungen und fordern häufig Bestätigung. Eine frühe Erfahrung von Inkonsistenz bei der Bedürfnisbefriedigung kann dazu führen.
3. Vermeidender Bindungsstil:
Wer diesen Stil entwickelt hat, bevorzugt emotionale Distanz und legt Wert auf Unabhängigkeit. Nähe wird oft als verletzlich empfunden, was zur Vermeidung von tiefen emotionalen Bindungen führt.
4. Desorganisierter Bindungsstil:
Dieser Stil ist durch widersprüchliches Verhalten gekennzeichnet. Menschen mit diesem Bindungsstil suchen nach Nähe, doch wenn sie sie bekommen ziehen sich oft stark zurück.
Eine Ursache kann ein traumatisches oder chaotisches Beziehungserleben in der Kindheit sein.
Die Bindungsstile sind unbewusste Strategien, um mit den Erfahrungen in den frühen Beziehungen umzugehen, insbesondere wenn Bedürfnisse nicht ausreichend oder unzuverlässig befriedigt wurden.
Da diese unbewussten Strategien auch unsere heutigen Beziehungen beeinflussen, macht es Sinn sich ihrer bewusst zu werden, denn Dinge die wir ins Bewusstsein geholt haben sind veränderbar.
Wir können also auch im Erwachsenenalter unsere Bindungsstile ändern und sind den Auswirkungen unseren frühen Erfahrungen nicht hilflos ausgeliefert.
Dies ist ein Prozess und dauert seine Zeit, sei geduldig und liebevoll mit dir.
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Falls es dir schwer fällt herauszufinden welcher Bindungstyp du bist kann das daran liegen, dass du zu verschiedenen Bezugspersonen unterschiedlich gebunden bist und somit mehrere Bindungsstile auf dich zutreffen.
Bei mir war es so und es hat eine ganze Weile gedauert bis ich das verstanden hatte.