Beziehungsanarchie
Beziehungsanarchie ist gekennzeichnet durch autonom geführte Beziehungen, das Hinterfragen von bestehenden Beziehungs-Normativen unserer Gesellschaft und durch das Fehlen von Hierarchien.
Wenn wir hier über Beziehungen sprechen, so sind nicht ausschließlich romantische Beziehungen gemeint, sondern auch freundschaftliche und familiäre.
Mit dieser Sichtweise wird deutlich, dass Beziehungsanarchie nicht nur von polyamor Fühlenden, sondern ganz klar auch von monoamor Fühlenden gelebt werden kann.
Es geht in der Beziehungsanarchie nicht nur darum Liebesbeziehungen bezüglich Hierarchien und Normativen zu hinterfragen, sondern eben auch Freundschaften und Familie.
Und alle drei in Bezug aufeinander.
Was ich meine ist, Freundschaften, Liebesbeziehungen und familiäre Verbindungen werden auf ein gleiches Level gestellt.
Keine Verbindung ist wichtiger, wertvoller oder enger, nur weil sie zufällig in eine der drei Kategorien fällt.
Für viele sicher unvorstellbar, denn der Satz: „Blut ist dicker als Wasser“ wird immer noch oft benutzt, um auszudrücken, dass Familie an erster Stelle steht und wichtiger ist als alle anderen Bindungen/Beziehungen.
Ich sehe das nicht so. Ganz im Gegenteil bin ich der Meinung, dass man nicht in familiären Beziehungen verbleiben muss oder sollte, nur weil man einen gewissen Verwandtschaftsgrad hat. Vor allem nicht wenn diese Verbindungen einem nicht gut tun.
In meiner (Ideal)Vorstellung suchen wir uns Menschen aus, mit denen wir in Verbindung gehen möchten und formen mit eben diesen Menschen ganz individuelle Beziehungen, alleine nach dem Motto: Was uns gut tut ist richtig.
Streit
Ich definiere Streit als eine laute Auseinandersetzung auf Gefühlsebene, mit dem Ziel zu gewinnen.
Dies mag ein – oder beidseitig sein.
Auf jeden Fall ist ein Streit anstrengend und kräftezehrend und für mich nichts was sich lohnt.
Ich weiß, viele Menschen sehen das anders, für viele glättet ein Streit die Wogen und sie empfinden ihn als wichtiges Tool innerhalb ihrer Beziehung.
Wenn ich so darüber nachdenke, glaube ich, liegt das oft daran, dass Menschen in ihren Beziehungen im Alltag nicht ehrlich zueinander sind und ihre Bedürfnisse nicht offen kommunizieren.
Im Streit platzt das dann alles aus ihnen heraus und ja, dann ist ein Streit natürlich wichtig.
Wenn aber im Alltag offen und ehrlich miteinander geredet wird, ist ein Streit überflüssig.
Ich rede radikal ehrlich – über Bedürfnisse und Befindlichkeiten, Wünsche und Hoffnungen, deren Ursprünge und die persönliche
Wichtigkeit.
So werden unterschiedliche Sichtweisen auf oder ein anderer Umgang mit Themen sichtbar, vermeintliche Unstimmigkeiten ausgeräumt und alle haben gewonnen: neue Perspektiven, neue Möglichkeiten mit dem Thema umzugehen und einen Einblick in die Gedankenwelt des Gegenüber. Ihr habt euch ein Stück weit näher kennengelernt.
radikale Ehrlichkeit
Das Wichtigste und gleichzeitig das Schwierigste an der radikalen Ehrlichkeit ist meiner Meinung nach, ehrlich zu sich selbst zu sein.
Es ist so einfach sich selbst zu belügen und so hart ehrlich zu sich selbst zu sein. Denn sich etwas einzugestehen tut manchmal weh, es ängstigt und vor allem müssen wir dann oft eine Veränderung vollziehen. Das erfordert Kraft, ist energieraubend, anstrengend und schwierig und das, was wir gewohnt sind, ist leicht und wohlig. Wir kennen uns und wollen uns nicht verändern.
Hier kämpft die Logik, der Verstand (wir wissen es ist zum Besseren) gegen unser Gefühl, unsere Gewohnheit und ja, auch gegen unsere Faulheit/Trägheit.
Im Grunde belügen wir uns aus den gleichen Gründen selber, weswegen wir auch andere belügen.
Diese sind laut Brad Blanton (amerikanischer Psychotherapeut und Autor des Buches„Radical Honesty: How to Transform Your Life by Telling the Truth“, 1994):
– Soziale Konditionierung: Wir lernen früh, dass „Ehrlichkeit manchmal wehtut“ und dass wir uns anpassen müssen, um geliebt zu werden.
– Angst vor Konsequenzen: Ablehnung, Wut, Verlust von Kontrolle.
– Selbstschutz: Wir fürchten, unsere wahren Gefühle oder Gedanken könnten uns verletzlich machen.
Doch wenn wir erst einmal verstanden haben, dass die Wahrheit auf lange Sicht, sowohl für uns als auch für andere, der bessere Weg ist, denn sie führt zu intimeren und stärkeren Beziehungen (sowohl die zu uns selber, als auch zu anderen), dann wird es immer leichter die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen.
Wir müssen auch nicht, wie manch einer vielleicht denkt, gemein sein wenn wir unsere Wahrheit aussprechen. Dies können wir sehr wohl empathisch, respektvoll und wohlwollend tun. Und nur so bekommen wir das Ergebnis (intimere und stärkere Beziehungen) das wir uns wünschen .
Und wenn ich sage „unsere Wahrheit“, so wird klar, dass meine Wahrheit nicht deine sein muss.
Das ist okay.
Es können und dürfen mehrere Wahrheiten nebeneinander existieren.
Und solange wir darin über einstimmen, dass die Wahrheit der einen Person nicht zwangsläufig auch die Wahrheit der anderen Person sein muss, sind wir weder gemein zueinander, noch verletzen wir gegenseitig unsere Gefühle.